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"Tatort" mit Schenk und Ballauf: Pulverfass Köln

Foto: WDR/ Thomas Kost

Köln-"Tatort" Im Schatten der Domplatte

Marokkaner jagen Marokkaner, schwarze Polizisten werden Opfer rassistischer Gewalt: Der Kölner "Tatort" nimmt die Verwerfungen nach der Silvesternacht vor einem Jahr ins Visier. Eins-a-Debattenstoff.

Ein Marokkaner, der sich in einer deutschen Bürgerwehr gegen kriminelle Nordafrikaner engagiert. Ein schwarzer Polizist, der von weißen Mitgliedern dieser Bürgerwehr verprügelt wird. Eine Polizeiführung, die in der Stadt Billboard-Plakate mit dem Spruch "Wir leben Integration" aufhängen lässt. Nach dem Frankfurter "Tatort" von vergangener Woche beschäftigt sich auch der Kölner mit den aktuellen Konfusionen zwischen Flüchtlingschaos, Rechtspopulismus und behördlichen Befriedungsmaßnahmen.

Doch wo die hessischen Kollegen das soziale und semantische Durcheinander (vielleicht ein bisschen zu) ironisch beleuchtet haben, geht es bei den Kollegen aus Nordrhein-Westfalen düster zu. Das liegt in der Natur der Sache: Die Domplatte ist gleich um die Ecke, die Entwicklung des Drehbuchs fand kurz nach den Ereignissen um die Silvesternacht 2015/2016 statt, und die Ausstrahlung fällt in einen Zeitraum, wo darüber diskutiert wird, ob der von Polizei getwitterte Begriff "Nafri" für Nordafrikaner rassistisch sei.

Rassismus kann man dem "Tatort" nicht vorwerfen. Er greift zwar die Strukturen organisierter Kriminalität auf, in denen einige junge Männer aus dem Maghreb laut des sogenannten Casablanca-Berichts in Nordrhein-Westfalen leben, er differenziert jedoch auch. Die deutschen Figuren bleiben interessanterweise ziemlich blass, die nordafrikanischen entwickeln dafür zum Teil eine beachtliche Komplexität - und zwar ohne, dass ihnen ein Opferstatus oder Sympathiebonus gewährt wird. Das Drehbuch stammt von Jürgen Werner, der auch schon bei dem von ihm entwickelten Dortmunder "Tatort" beim Ausleuchten von Ambivalenzen an Schmerzgrenzen gegangen ist.

Dieser "Tatort" kennt nur Verlierer

Dabei ist das Kölner Szenario erst einmal denkbar einfach: In einem sozial schwachen Stadtteil, in dem das Drogengeschäft von Nordafrikanern dominiert wird, formiert sich unter dem Namen Wacht am Rhein eine Bürgerwehr. Bei einem Überfall auf eine Zoohandlung wird der Sohn des Besitzers erschossen. Unter Führung des ehemaligen Security-Mannes Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) beginnt die Jagd auf mutmaßliche Täter mit nordafrikanischem Hintergrund.

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"Tatort" mit Schenk und Ballauf: Pulverfass Köln

Foto: WDR/ Thomas Kost

Bei dieser Jagd macht auch der marokkanische Gemüsehändler Adil Faras (Asad Schwarz) mit, der in den anderen Nordafrikaner auch eine Bedrohung seines hart erkämpften gesellschaftlichen Status sieht: "Man hat mich im Viertel respektiert, aber ihr kommt hierher und macht alles kaputt." Er setzt einen jungen tunesischen Studenten (Omar El-Saeidi) fest, den er für den Täter hält, und sperrt ihn in seinen Keller. Dieser "Tatort" kennt nur Verlierer.

Regisseur Sebastian Ko hat zuvor den drastischen, fatalistischen Killerpärchen-"Tatort" mit Ruby O. Fee und Rick Okon gedreht. Auch bei "Wacht am Rhein" zeichnet er die Figuren rigoros als Gefangene ihr Rollen - tragische Gefangene: Der Gemüsehändler etwa wird Opfer des eigenen Integrationswillen; je mehr er sich für die multikulturelle Ordnung in seiner Nachbarschaft einsetzt, desto stärker wird er ins Verbrechen gezogen.

Während Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) diesmal besonders handgreiflich in den entfesselten Konflikt eingreifen, droht vor ihren Augen das staatliche Gewaltmonopol zu erodieren. Und der Jazzmusiker Klaus Doldinger, Komponist des "Tatort"-Titelstücks, improvisiert dazu bei einem Cameo-Auftritt als Straßenmusiker die Nummer als Blues. Kleiner Gimmick in einem ansonsten durch und durch grimmigen Gesellschaftskrimi im Schatten der Domplatte.

Rassistische Gewalt ist hier stets präsent. Als Schenks und Ballaufs schwarzer Kollege Tobias Reisser (Patrick Abozen) einem Afrikaner beistehen will, der von der Bürgerwehr in einen Hinterhof getrieben wurde, schlägt man ihn gleich mit zu Boden. Den hingehaltenen Polizeiausweis tut man für gefälscht ab. Nach dem Motto: Fälschen ja eh alles, die Flüchtlinge. In Sachen "gelebter Integration" hat die Kölner Polizei in diesem "Tatort" noch einiges zu tun.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Wacht am Rhein", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Claudia Konerding / dpa